Mal wieder Ungarn oder 16 Tage Nirvana (rm)

Ich habe mir erlaubt, mit freundlicher Genehmigung von Jörg, den vorliegenden Text bei jeder Aktualisierung wieder oben in den Blog einzufügen. Der Beginn des Textes geht auf den 22. August zurück.

Wieder von einer Ungarnreise zurück, sitze ich hier am Rechner und versuche meine Erinnerungen zu ordnen. Schön war´s. So kann man´s schon mal vorab zusammenfassen.  Und da sind wir schon beim Problem. Wie soll man 16 Tage Ungarn in einen Blog pressen? Zuerst wollte ich mir einen Internetzugang vor Ort beschaffen und ein Tagebuch führen. Aber mir wurde schnell klar, wenn es richtig Urlaub sein soll, dann geht das nur ohne Zugang ins WWW.  Ich kann nur Buch oder Laptop. Deshalb der Versuch einer Kollage. Ein Text der in Etappen wächst. Ungeordnet, unrepräsentativ, aber am Ende doch hoffentlich ein Bild.

Vor dem Ungarn-Vergnügen steht immer eine Wand. Elfhundert Kilometer Autofahrt. Man fürchtet sich schon vorher, steht zu unchristlichen Zeiten auf und präpariert sich mit allerlei Dingen um stundenlanges stillsitzen zu ertragen. An der zentralen Aufgabe ändert aber auch die beste Vorbereitung nichts, viele Stunden Monotonie ertragen. Natürlich wechselt die Landschaft, aber was „singt“ Kraftwerk: „Die Fahrbahn ist ein graues Band, weiße Streifen, grüner Rand“. Ach, wie schön wäre es, das gelobte Land läge nur 300km entfernt. Andererseits steigt vielleicht der Abstand vom Alltag mit der Entfernung von der Heimat, zumindest wenn man sich die Entfernung erarbeiten muss und nicht erfliegt. Dann läge in der langen Anreise irgendwie doch ein Sinn. Aber Sinn hin, Sinn her, es zieht sich wie ein Kaugummi. Also ersinnt sich das Gemüt Zwischenetappen um den großen Berg in menschlichere Einheiten abtragen zu können. Erst mal zur Autobahn, dann Ludwigshafen, der Rhein, Sinsheim (mit den Flugzeugen), Heilbronn (wo die 81 weggeht), Nürnberg (ab hier geht´s Richtung Ausland, naja, irgendwie ist ja schon seit der bayrischen Staatsgrenze im Ausland), Regensburg, Passau, Aufkleber kaufen, Grenze Austria (Halbzeit), Tanken Oed (Tanke Oldtimer, billigster Diesel von ganz Österreich, ab 50 Liter gibt es einen Kaffee gratis), die Waldhügel vor Wien (viele Kurven schnell gefahren, richtig Handarbeit, ohne Tempomat), Wien (Vorsicht Blitzer), Grenze Ungarn (Kassenzettel kaufen), jetzt noch 200km bis Budapest, ab hier geht es subjektiv bergab, Budapest (geiler Stadtverkehr, die Anderen jammern immer, aber…), die neue Brücke finden (Scheiß altes Navi), und wenn man dann von der MNull auf die MZwei wechselt, fühlt es sich an, fast wie angekommen, vorbei an Dunakeszi (kurze Reminiszenzen an die Coursing-EM), bei Vác auf die Landstraße, in Devaj-Land (Penc) links ab, auf die Zeilgerade, Keszeg (links geht´s nach Ösagárd), Holperpiste (die gemeingefährlichen Löcher haben sie jetzt gefüllt, es holpert aber noch gewaltig), rechts ab, die Straße wird gut, nur noch drei Kilometer, Nézsa, Arizona, Holztor auf, reinfahren, Motor aus; Ein gutes Gefühl es geschafft zu haben. Das Dopamin läuft einem zu den Ohren raus. Jetzt liegen zwischen mir und dem Alltag ein 1000km hoher Berg. Das sollte reichen.

Arizona, Nézsa

Mit einem Windhund zu reisen, sorgt für Kontakt. Laufe ich mit einem unserer Windhunde oder gar mit allen Dreien, durch eine Fußgängerzone, einen Park oder gehe in ein Restaurant, dann werde ich regelmäßig auf die Hunde angesprochen. In den meisten Fällen heißt es: „Der ist aber schön, was ist das für eine Rasse?“ Auf meine Antwort: „Das ist ein ungarischer Windhund“, heißt es dann: “ Och, die hatte ich mir dünner vorgestellt.“ Ich denke, naja es ist halt ein Magyar Agar und kein Azawakh, sage aber nichts. Andere Menschen erfreuen mich mit der Aufforderung, die Hunde doch mal ordentlich zu füttern. Man sieht immer wieder, Wahrnehmung ist ein subjektiver Vorgang.

In Ungarn mit einem ungarischen Windhund zu reisen, ist eine ganz besondere Erfahrung. Auch hier wird man ständig auf seinen Begleiter angesprochen. Leider kann ich kein magyar. Ungarn die keine Fremdsprache beherrschen, wenden sich sofort ausschließlich dem Hund zu. Gottseidank verstehen Hund alle Menschensprachen gleichermaßen. Die Anderen erkundigen sich nach der Rasse.  Den Hinweis, dass es sich um einen Magyar Agar handelt, wird oft mit Erstaunen, ja Unverständnis, quittiert. Vielleicht liegt es ja an meiner Aussprache. Bisweilen klärt ein nachgeschobenes „Hungarian Greyhound“ den Fragenden auf. Man könnte den Eindruck bekommen, dass außerhalb der Agarsok , der heimische Windhund recht unbekannt ist. Sie haben zwar fast alle schon davon gehört, erkennen ihn aber nicht. Trotzdem das Interesse am dem Magyar Agar, der vor ihnen steht, ist groß. Mit dem Streicheln des Hundes sind sie da schon vorsichtiger. Ich habe mir erklären lassen, dass in den ländlichen Regionen Ungarns der Magyar Agar oder Magyar Agar-artige Hunde gerne als Hofhund, auch an der Kette, gehalten werden. Diese Vertreter ihrer Rasse zeichnen sich dann durch große Wachsamkeit aus. Und so kann es vorkommen, dass Mütter ihre Kinder schnell zur Seite ziehen, wenn ich ihnen mit meinen Hund an der Leine entgegen komme.

Nicht so Nézsa. Es mag daran liegen, dass wir deutschen Windleute schon ein paarmal im Arizona zu Gast waren. Hund und Herrchen werden  aufs wärmste begrüßt. Keiner stört sich daran, dass sich mein Magyar Agar frei in der Pension, auf dem Gelände und in der Kneipe bewegt. In den zwei Wochen Nézsa war „Mikiii“ das Wort, das ich am meisten zu Ohren bekommen habe. Jeder wollte das Mikéas kommt, jeder wollte Mikéas streicheln. Die Kinder aus Nésza kamen extra um Miki zu besuchen. Und nicht nur die Kinder, auch Erwachsene machten gerne einen Hausbesuch. Ich hatte  den Eindruck, dass speziell Besitzer anderer ungarischer Hunderassen, Puli oder Magyar Vizsla, ins Arizona kamen um sich einen echten Magyar Agar anzuschauen. Wenn ich abends in der Kneipe ein Bier trank und Mikéas zu meinen Füßen lag, wurde mein Hund von jedem hereinkommenden Gast persönlich begrüßt. Mikéas behandelte die Stammgäste und die Bedienungen bald wie alte Bekannte. Der Deutsche und sein ungarischer Windhund wurden zum festen Bestandteil des Arizonas.

Trotzdem ist das Wissen um die Rasse gering. Immer wieder musste ich Auskunft über Haltung, Zucht, über Windhundrennen, Coursings und Ausstellungen geben. Ja, von vom Agár Festival in Ösagard (6 km entfernt) hatten sie schon gehört. Irgendwann hing dann auch ein Plakat der Veranstaltung im Arizona. Aber vom 5 Kilometer entfernten Devaj-Kennel wussten sie nichts. Das mag daran liegen, dass für den normalen Ungarn ein FCI-Magyar Agar, gerade in der heutigen wirtschaftlichen Situation im Land, unbezahlbar ist. Das ist bedauerlich, denn die Ungarn sind die größten Hundenarren der Welt.

Wenn man Budapest in süd-östliche Richtung verlässt, kommt man nach ein paar Kilometern in eine Gemeinde mit dem Namen Alsónémedi. Dort steht die neuste Windhundattraktion Ungarns. Der Alsónémedi Agárpark ist eine nagelneue Rennbahn. Durch die Vermittlung von Judit Szanka, die mich bei auch bei dieser Ungarnreise wieder großartig unterstützt hat, bekam ich eine Führung über das Gelände. Eine Rennbahn mit See! Von der Landstraße abgebogen, öffnet sich das elektrische Rolltor und gibt die Zufahrt zum Agárpark frei. Vorbei an einem Wohngebäude und ein paar Hallen führt der Weg zur Rennbahn, die leicht erhöht, direkt an einem schönen, türkis-blauen See liegt. Über eine kleine Brücke geht es dann zu einem weiten Platz unter großen Bäumen. Dort gibt es, wenn die Bahn offen ist, Essen und Getränke. Das Areal ist gepflegt und macht einen parkartigen Eindruck. Agárpark ist also nicht übertrieben.

Und wieder bekomme ich eine Kostprobe der großartigen ungarischen Gastfreundschaft. Wir werden erwartet vom Besitzer der Bahn Istvan Galik und seiner Frau. Die Tische biegen sich unter dem Essen. Und zum Essen in Ungarn muss ich wohl nichts mehr sagen. Eine lustige Runde bestehend aus Jutka und ihrem Sohn Micky, Istvan und seine Frau, Miklos Levente und ich tafelten aufs fürstlichste. Mikéas durfte sich derweil auf dem 22! Hektar großen, eingezäunten Gelände umsehen. Ich glaube, es hat ihm gefallen. Am frühen Abend, als die Hitze des ungarischen Sommers ein wenig nachließ, schritten wir dann zur Begehung.

Die Familie Galik lebt zusammen mit ihren Hunden auf dem Gelände. Neben dem schönen Haus stehen zwei Hallen. In der Einen ist die beachtliche Werkstatt untergebracht. Istvan hat die Rennbahn, nach australischem Vorbild, selbst gebaut. In der Zweiten Halle sind die Kennels seiner Windhunde. Daran schließen sich die Padocks für den täglichen Auslauf an. Zum Training seiner Hunde stehen ihm ein 130 Meter Sprint und ein gut 400 Meter langer Galopp zur Verfügung.

Für mich von größtem Interesse ist natürlich die Bahn und ihre Technik. Und auch hier, gibt es etwas zu sehen. Es handelt sich um eine Sandbahn mit internationalen Ausmaßen.  Der Hasen läuft innen, an einem elektrisch angetrieben Zugseil. Theoretisch gesehen ein System wie bei uns in Oberhausen. Allerdings ist diese Anlage konstruktiv ca. 30 Jahre jünger. Zudem wird sie im Original in Australien unter professionellen Bedingungen geplant und gebaut. Die australischen (Profi)Rennbahnen laufen zu 95% mit einem “ cable lure system“. Für mich völlig neu war die automatische Steuerung des Hasenzugs. Alle paar Meter sind an der Strecke Sensoren verteilt. Sie ermöglichen dem System zu „wissen“ wo sich Hase und Hunde aufhalten. Und so kann auf dieser Bahn auf den Hasenzieher verzichtet werden. Auch die Öffnung der Startkästen erfolgt automatisch. Sobald der Hase an einer bestimmten Position des Tracks vorbeikommt öffnet sich der Kasten. Die Befestigung des Schlittens am Zugseil darf als genial bezeichnet werden. In Summe eine bemerkenswerte Rennbahn.

Hinter der Bahn schließt sich noch ein weiteres, riesiges Gelände an. Es ist für Coursings geradezu prädestiniert. In der Werkstatt von Istvan gab es schon eine fast fertige Coursingmaschine. Wir dürfen also gespannt sein.

Leider waren während meines Ungarnaufenthalts keine Rennen und so konnte ich die Anlage nicht in Aktion sehen. Auf der anderen Seite habe ich natürlich wieder einen neuen Grund nochmal nach Ungarn zu fahren.

to be continued…

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